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Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Nicht
nur im täglichen Leben, sondern auch in der Kochkunst und in der
wissenschaftlichen Literatur werden laufend Gewürze, Spezereien,
Zutaten oder einfach Duftstoffe, die zum Aromatisieren der
verschiedenen Lebensmittel verwendet werden, verwechselt. Dabei
bezieht sich jeder dieser Termini auf eine bestimmte Gruppe von
Stoffen, die sich durch völlig verschiedene Eigenschaften
voneinander unterscheiden.
Gewürze sind Produkte ausschließlich pflanzlicher Herkunft, wobei
die Pflanzen, die die Gewürze liefern, zu mehr als 30 verschiedenen
botanischen Familien gehören.
Alle Gewürze vereint jedoch vor allem die Bedeutung, die sie in der
Kochkunst spielen, und darin besteht ihr wahrer Wert.
Da über Gewürze bisher nur wenig veröffentlicht worden ist, kommen
in der Küchenpraxis Verwechslungen vor, was nicht nur zu einer
begrenzten Verwendung der Gewürze, sondern auch teilweise zu ihrer
falschen Anwendung führt.
Gewürze dienen den Menschen seit vielen Jahrtausenden. Sie
verbessern nicht nur unsere Speisen, sondern nehmen auch einen
würdigen Platz unter den Arzneimitteln ein. Um aber die Gewürze
richtig, d. h. mit Sachkenntnis und Nutzen einsetzen zu können,
sollte man ihr Wesen und ihre Eigenschaften genau kennen. Das setzt
voraus, dass wir uns zuerst mit den Namen, die den einzelnen
Gewürzen von den verschiedenen Völkern gegeben wurden, befassen.
Nicht selten verbirgt sich gerade hinter diesen Namen die
Charakteristik der Gewürze.
Im alten Griechenland wurden die Gewürze "aromatico" -soviel wie
"wohlriechende, aromatische Gräser" - und im alten Rom "salsu" -
beißend, scharf, wohlschmeckend - genannt. Das lateinische Wort "scitamente"
- so nennt man die Familie der Gewürzpflanzen - bedeutet soviel wie
"leckere, auserlesene, schmackhafte Speise". Diese Bezeichnung bezog
sich besonders auf die tropischen Gewürzpflanzen, wie Kardamom,
Ingwer, Galgant u. a.
Das spät mittelalterliche Latein enthält das Wort "species" - etwas,
das einem Achtung einflößt, etwas Ansehnliches, Glänzendes, Schönes.
Diese Bezeichnung hängt nicht mit den Eigenschaften der Gewürze
zusammen, sondern eher mit der hohen Wertschätzung, die ihnen im
Mittelalter in Europa entgegengebracht wurde.
In den meisten Ländern Süd- und Westeuropas stammen die nationalen
und die lokalen Bezeichnungen für die Gewürze von diesem
mittelalterlichen lateinischen Namen "species" ab, in den modernen
Sprachen dagegen erhält dieses Wort unterschiedliche Bedeutung:
Bei den Italienern heißt "spezie" etwas Spezielles, Besonderes,
Individuelles, bei den Franzosen "epice" etwas Scharfes, Pikantes.
Die Engländer verstehen unter "spices" etwas Scharfes und die
Holländer unter "specezig" etwas Besonderes, Seltenes. Somit
erfassen die modernen Bezeichnungen für Gewürze in den west- und den
südeuropäischen Ländern alle die Eigenschaften, die auch die
lateinischen Bezeichnungen in sich vereinen, das ist einmal die
Schärfe und der Ausdruck des Pikanten und zum anderen die
Seltenheit, die Besonderheit, die Einmaligkeit. Gleichzeitig ist die
Bedeutung von "lecker" und "auserlesen" verschwunden.
Etwas anders werden die Gewürze in mittel-, nord- und
osteuropäischen Ländern, in den germanischen, slawischen und
finno-ugrischen Sprachen charakterisiert.
Das deutsche Wort Gewürz bedeutet soviel wie "Wurzeln". Das gleiche
bezeichnet das tschechische "koreni" , das polnische "korzenny", das
lettische "virzes" und das estnische "vürts". Im estnischen gibt es
aber noch eine andere Bezeichnung für die Gewürze, nämlich "maitseaines",
was soviel wie "schmackhaft, Geschmack verleihen" heißt. Dieselbe
Bedeutung hat auch das litauische Wort "prieskonis" oder das
lettische "sivs" (schmackhaft). In diesen Fällen wird die
Eigenschaft der Gewürze hervorgehoben. In den skandinavischen
Sprachen heißen die Gewürze "kryddor" , was soviel wie "zu Pulver
zerrieben, pulverartig" bedeutet.
In den germanischen und den slawischen Sprachen wird bei den
Gewürznamen in erster Linie das Äußere charakterisiert, nämlich das
Wurzelwerk, die Wurzeln der Pflanzen, die getrockneten und zu Pulver
zerriebenen Pflanzen. Die älteren Sprachen Osteuropas dagegen
enthalten in der Benennung auch Hinweise auf charakteristische
Besonderheiten wie Aroma und Beigeschmack.
Das russische Wort "prjany" (gewürzt, würzig) bedeutet soviel wie
"scharf, duftend, wohlschmeckend" und steht im Gegensatz zu "fade"
und "widerlich". Das Wort "prjanost" (Gewürz) und das davon
abgeleitete Adjektiv "prjany" kommen im Russischen von dem Wort "perez"
(Pfeffer), dem ersten im Russischen bekannt gewordenen Gewürz (prjany
oder perjany heißt also gepfeffert). Davon kommt auch das Wort "prjanik"
(Pfefferkuchen), mit Gewürzen angereichert. Wurden doch in den
Pfefferkuchenteig 7 bis 8 Gewürzarten gegeben.
Sind nicht alle diese Einschätzungen widersprüchlich? Natürlich
nicht. Jedes Volk hat die Eigenschaften oder Qualitäten bei den
einzelnen Gewürzen hervorgehoben, die ihm am interessantesten
schienen. Diese Einschätzung war oft von den konkreten historischen
Bedingungen abhängig und davon, welche Gewürze verwendet wurden.
Fast alle Völker kennen das für die einzelnen Gewürze
charakteristische Aroma und die verschiedenen Nuancen von etwas
nehmen, der "Schärfe", wie es manchmal irrtümlich heißt. Der
Geschmack selbst ist keine Eigenschaft der Gewürze, sondern er geht
erst durch die Verbindung der Gewürze mit den Speisen. Deshalb
verwechseln die Völker des Ostens mit ihrer schon sehr alten
Würzkultur niemals den Geschmack mit jenem Brennen, das Gewürzen im
Gegensatz zu den Zutaten und Aromastoffen eigen ist.
Die Zutaten geben den Speisen nur einen bestimmten Geschmack,
salzig, sauer, süß, bitter und deren Verbindungen süß-sauer,
bitter-salzig usw. Die Aromastoffe wiederum können einer Speise ein
bestimmtes Aroma verleihen, z. B. Rose, Kakao, Ylang-Ylang oder
Jasmin. Die Gewürze jedoch verbinden das Aroma mit einem
charakteristischen Beigeschmack, der sich erst im Gericht, besonders
beim Erhitzen, bemerkbar macht. Diese Verbindung schafft ein
eigentümliches Aroma, das nicht so sehr duftet als vielmehr schwer
und kompakt ist und als würzig bezeichnet wird. Es ist in meisten
Fällen mit einem leichten Brennen verbunden.
Was unterscheidet nun die Gewürze noch von den Zutaten und den
anderen Stoffen, mit denen man die Speisen aufbessern kann, und
worin besteht das Wesen der Gewürze?
Bisher wurde nur von den Eigenschaften gesprochen, die sich
sensorisch bestimmen lassen, d. h. von den Unterschieden, die in
gewissen Umfang subjektiv von unseren Sinnesorganen wahrgenommen
werden. Es existieren jedoch auch objektive Merkmale, die die
Gewürze von den Zutaten und Aromastoffen unterscheiden.
Gewürze kann man nicht in so großen Mengen wie Zutaten verwenden z.
B. Berberitze, Pflaumen, Quitten, Granatäpfel, aber auch als
selbständiges Gericht, wie Tomatenmark oder Gemüsepaprika, die man
zu Brot essen kann. Gewürze werden nur als Zusatz genommen, um der
Speise einen bestimmten (manchmal den entscheidenden) Akzent zu
verleihen. Ihre Verwendung kann man mit geringen Zusätzen an
seltenen Metallen zum Stahl vergleichen, wodurch man
unterschiedliche Stahllegierungen mit verschiedenen Eigenschaften
erhält. Schon der Versuch, die Gewürzdosis (Menge) zu erhöhen und
damit die Grenzen des Möglichen zu überschreiten, zu einer
einschneidenden Veränderung in der qualitativen Einwirkung auf die
Speisen führen. Anstelle des gewünschten angenehmen Aromas tritt
dann ein scharfer, unangenehmer, bitterer Beigeschmack auf. Diese
Besonderheit der Gewürze bestimmt ihren Platz in der Kochkunst im
Unterschied zu den Zutaten und Aromen. Gewürze lassen sich also nur
im Prozess der Speisenzubereitung verwenden, und auch dann nur in
äußerst geringen Dosen. Außerdem weisen die Gewürze bakterizide
Fähigkeiten auf, hauptsächlich gegenüber Fäulnisbakterien, so dass
sie sich gut für die Konservierung von Speisen eignen. Zusammen
damit haben die meisten Gewürze die Fähigkeit, das Ausscheiden
verschiedener Arten von Schlacken aus dem Organismus zu aktivieren,
ihn von mechanischen und biologischen Verschmutzungen zu säubern und
außerdem als Katalysator in bei einer Reihe enzymatischer Prozesse
zu dienen. Deshalb wurde schon in der Vergangenheit und wird auch
"heute noch die Mehrzahl der Gewürze in der Medizin als Arzneimittel
verwendet. In diesem Falle erhöht man - im Vergleich zur Anwendung
in der Küchenpraxis - ihre Konzentration und verlängert die Dauer
der Anwendung.
Hinzufügen kann man noch, dass die Gewürze in Verbindung mit der
Nahrung sowohl physiologisch als auch psychologisch auf den
menschlichen Organismus einwirken, zu einer besseren Resorption der
Nahrung beitragen und die Reinigungs-, Stoffwechsel- und
Abwehrfunktionen des Organismus stimulieren.
Gewürze dürfen nicht mit den Zutaten oder mit anderen
Nahrungsbeigaben verwechselt werden, die nur eine
Geschmacksveränderung hervorrufen, z. B. Salz, Zucker, Essig. (In
der Küchenpraxis werden diese Beigaben gewöhnlich zur Kategorie der
Spezereien gezählt.)
Darüber hinaus darf man die Gewürze nicht mit den Aromen
gleichsetzen, die keine bakteriziden oder andere spezifischen
Eigenschaften aufweisen und deren Anwendungsbereich weitgehend
begrenzt, ist (hauptsächlich auf Süßspeisen). |
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In Assyrien und Babylon, im alten Ägypten und in
Phönizien gab es eine vielseitige Verwendung der Gewürze, die sich
durch ein äußerst hohes Niveau auszeichnete.
In der Antike kamen die Gewürze hauptsächlich aus Indien und Ceylon
(jetzt Sri Lanka) nach Ägypten, Griechenland und Rom. Zum Teil
fanden auch die einheimischen Gewürze, z. B. aus Kleinasien und aus
den Mittelmeerländern, Anwendung.
Die alten Griechen und besonders die Römer kannten bereits die
Mehrzahl der uns jetzt noch geläufigen exotischen Gewürze und
darüber hinaus noch andere, die gegenwärtig gar nicht mehr verwendet
werden, z. B. Narde und Costus. Aus Südasien erhielten sie schwarzen
Pfeffer, Pipul, Kubebenpfeffer, Zimt, Cinnamomum, Cassia, Nelken,
Ingwer, aus dem mittleren Osten Asa foetida, aus Afrika Myrrhe und
scharfe Nelkenmyrte (Amomum), aus Kleinasien Safran und aus den
Mittelmeerländern Lorbeerblätter und Ysop.
Die Gewürzkarawanen, die sich vom Persischen Golf und vom Roten Meer
durch Arabien und auch entlang des Tigris und des Euphrats bewegten,
trafen in der phönizischen Stadt Tyros, am Ostufer des Mittelmeers,
zusammen und führten die Gewürze von hier aus über das Meer in alle
anderen Städte des Mittelmeers aus.
Nachdem im Jahre 332 v. u. Z. Tyros von den Truppen Alexanders von
Makedonien erobert wurde, verlagerte sich das Zentrum des
Gewürzhandels nach Karthago und später in der Mitte des 2.
Jahrhunderts v. u. Z. nach Alexandrien, wo es auch so lange blieb,
bis die Römer ihre Herrschaft über alle Mittelmeerländer errichtet
hatten.
Im alten Rom stellten die Ausgaben zum Erwerb von Gewürzen einen
wichtigen ökonomischen Faktor dar, denn die Gewürze wurden
außerordentlich hoch bewertet. Der römische Historiker Plinius
klagte darüber, dass für exotische aromatische Würzkräuter jährlich
bis zu 50 Millionen Sesterzen (das waren etwa 4 Millionen Goldrubel)
ausgegeben wurden und dass man diese Waren auf den Märkten des
Imperiums 100mal teurer, als ihr ursprünglicher Wert betrug,
verkaufte. Dennoch wagte es kein römischer Kaufmann, selbständig in
die fernen Länder zu reisen, um diese Gewürze einzukaufen, und der
für die östlichen Kaufleute äußerst vorteilhafte Zwischenhandel
blühte bis zum Untergang des Römischen Imperiums weiter.
Trotz dieses Zwischenhandels häuften die Sklavenhändler Roms im
Verlauf einiger Jahrhunderte riesige Schätze in Form von Gold,
Silber und wertvollen Steinen an und verschafften sich auch eine für
diese Zeit unschätzbare Menge an Gewürzen aus Asien und Afrika. Es
ist interessant, dass die Horden des westgotischen Königs Alarich
I., als sie im Jahre 408 u. Z. Rom überfielen, als Tribut nicht nur
5000 Pfund Gold, sondern auch 3000 Pfund Pfeffer - eine damals noch
größere Kostbarkeit - forderten. Im frühen Mittelalter, unmittelbar
nach dem Untergang des Römischen Imperiums, als Handwerk und
Landwirtschaft in Europa verfielen, hatten die europäischen Staaten
nichts mehr zum Austausch gegen die teuren Waren der östlichen
Händler zu bieten. So kam der Handel mit den Gewürzen zeitweilig zum
Erliegen. Später belebte er sich wieder, aber jetzt schon in den
neuen Staaten, die in den östlichen Mittelmeerländern entstanden
waren.
Byzanz nahm jetzt die Monopolstellung im Handel mit dem Osten ein,
und seine Hauptstadt Konstantinopel machte Alexandrien den Rang als
Weltzentrum des Gewürzhandels streitig.
Mit Gewürzen wurde Byzanz von arabischen Kaufleuten beliefert, die
seit dem 7. Jahrhundert, als sich die islamischen Staaten über die
riesigen Territorien von Indien bis nach Spanien erstreckten, im
Orient und in den Mittelmeerländern die Vorherrschaft besaßen. Als
geschickte Händler traten die Araber gern mit den Europäern in
Verbindung und boten ihnen eine große Auswahl von Gewürzen an. Auf
der Pyrenäenhalbinsel trafen sie unmittelbar mit den Europäern
zusammen, so dass ein Teil der Gewürze von den Arabern über die
Spanier in das damalige Europa gelangte. Aber nicht alle Gewürze
erwarben die Spanier bei den Arabern durch friedlichen Handel.
Einige wurden auch mit Waffengewalt erobert.
Schon im 10. Jahrhundert, als die Spanier die Araber vom Territorium
Kataloniens und Mursiens verdrängt hatten, eigneten sie sich von
ihnen die Kultur eines der wertvollsten Gewürze, des Safrans, an und
begannen, ihn selbst anzubauen.
Genau zur gleichen Zeit, also im 10. Jahrhundert, brachten die
Araber die Kultur der Pomeranzen (Pomeranzenschale wird von da an
als Gewürz verwendet) aus Indien in die Mittelmeerländer.
In der Mitte des 11. Jahrhunderts versetzten die Seldschuken der
arabischen Zivilisation einen entscheidenden Schlag. Zunächst wurden
sie völlige Beherrscher von Kleinasien. Im Jahre 1055 eroberten sie
Bagdad, das größte arabische Kultur- und Handelszentrum, und
zerschlugen die byzantinische Armee. Der gut florierende Handel des
Ostens mit Byzanz und Europa wurde dadurch völlig zerstört.
Die durch die Ausdehnung der türkischen Macht auf die
Mittelmeerländer in Aufregung geratenen Staaten des katholischen
Europas unternahmen im Jahre 109ß den ersten Kreuzzug. Bei ihrer
Rückkehr brachten die Kreuzritter nicht nur geraubte Kostbarkeiten
und östliche Tuche, sondern auch Gewürze, die keineswegs geringer
geschätzt wurden, mit nach Europa Darunter befanden sich die seit
ältester Zeit bekannten Gewürze, wie Pfeffer und Zimt, aber auch
einige neue Gewürze, wie Muskatnuss und Muskatblüte, die in Europa
erst im 12. Jahrhundert auftauchten und erstmals als Salböl bei der
Krönung des deutschen Kaisers Heinrich IV. Verwendung fanden.
Der Bedarf an Gewürzen wuchs immer mehr, und die Verwendungssphären
wurden immer vielseitiger.
Man kann im Mittelalter sogar von einem gewissen Gewürzmißbrauch
sprechen. Die Gewürze wurden nämlich nicht nur für die Zubereitung
von warmen Speisen verwendet, sondern auch für die Konservierung von
Vorräten und noch mehr für die Herstellung diverser Getränke.
Da zu dieser Zeit in Europa weder Tee, Kaffee noch Kakao bekannt
waren, hat man das Wasser mit verschiedenen Gewürzen aufgebessert,
oder es wurden Gewürzaufgüsse hergestellt. Darüber hinaus waren mit
Gewürzen gemischte Honiggetränke und mit Gewürzen aromatisiertes
Bier, Dünnbier oder Wein weit verbreitete Tagesgetränke. Außerdem
hatte die Verwendung der Gewürze zu Kultzwecken bei der Vielzahl von
Kirchen und Klöstern im mittelalterlichen Europa, in dem es viele
Grafen, Landgrafen, Markgrafen, Barone, Fürsten, Herzöge,
Kurfürsten, Marquis und Könige gab, eine nicht mindere Bedeutung.
Fügt man noch die allseitige Verwendung der Gewürze als in dieser
Zeit effektivste Arzneimittel hinzu, so versteht man, warum die
Frage der Gewürzversorgung im Mittelalter sehr aktuell war.
Es war klar, dass eine lückenlose Versorgung Europas mit Gewürzen
nur durch die Organisation eines regulären Handels mit den
westlichen Ländern verwirklicht werden konnte. Diesen Handel in Gang
zu bringen, war nicht einfach, da das alte Byzanz, das die
Vermittlerrolle im Osthandel spielte, immer mehr verfiel und die
katholische Kirche den westlichen Kaufleuten bei Androhung der
Exkommunikation verbot, direkt mit den "ungläubigen" Muselmanen zu
handeln.
Man muss hier bemerken, dass eine gewisse
Menge von auserwählten Gewürzen eine besondere Salbe ergab, die
unter der Bezeichnung "wohlriechendes, heiliges Salböl" bekannt
wurde und womit man bei der Krönung Gesicht und fände der
Könige, Zaren, Kaiser und anderer sog. "göttlicher Gesalbter"
einrieb. Diese Menge bestand anfangs aus mehr als 50 und seit
1853 aus 30 Gewürzen, die ein so dauerhaftes und
widerstandsfähiges Aroma ergaben, dass sich dieses über Jahre,
ja sogar Jahrzehnte hinweg erhielt. Das in Moskau in der
Rüstkammer befindliche silberne Gefäß, in dem früher solches
Salböl aufbewahrt wurde, duftet noch heute angenehm, obwohl man
das Gefäß im Jahre 894 das letzte Mal mit diesem Salböl gefüllt
hatte (Anmerkung vom Autor des Originalbuches)

Venedig, die neue Seehandelsmacht im Mittelmeer,
erwirkte bei Papst Innozenz eine Ausnahmegenehmigung für den
Gewürzhandel mit den Muselmanen. Mit Beginn des 13. Jahrhunderts
wurde das Handelsrecht unter den drei italienischen Städterepubliken
Venedig, Genua und Pisa aufgeteilt. Im 14. Jahrhundert jedoch wurde
Venedig der einzige Umschlagplatz im Gewürzhandel mit Europa. Die
Monopolisierung des Gewürzhandels führte dazu, dass sich die Preise
der ohnehin schon teuren überseeischen Gewürze noch um ein
Vielfaches erhöhten, so dass der Erwerb für die Mehrheit der
Bevölkerung der europäischen Länder nahezu unerschwinglich wurde. In
dieser Zeit entstand das französische Sprichwort "Teuer wie
Pfeffer", da man den Pfeffer buchstäblich mit Gold und noch höher
aufwog. Für 500 g Muskatnüsse tauschte man z. B 3 bis 4 Schafe oder
1 Kuh.
So wurden die exotischen Gewürze Asiens und Afrikas ein
ausschließliches Privileg der herrschenden Klassen, des Adels und
der Patrizier. Die Bauern und Handwerker in Europa orientierten sich
immer mehr auf die einheimischen Gewürzpflanzen, die sie unter den
vielen europäischen Gräsern in Wald und Feld suchten und fanden.
Aber auch unter dem Gartengemüse befanden sich Pflanzen. die in
Geruch und Geschmack den überseeischen Gewürzen nahe kamen. Man
entdeckte z. B., dass Knoblauch und Zwiebel die Asa foetida, Dill
und Kümmel den indischen Ajowan ersetzen konnten. Viele Gewürze
erwiesen sich jedoch als unersetzlich, an erster Stelle z. B.
Pfeffer, Safran und Zimt. Die beiden letztgenannten Gewürze stellten
zu jener Zeit eine solche Kostbarkeit dar, dass es beispielsweise
den venezianischen Dogen verboten war, ein so verlockendes und
wertvolles Geschenk wie Safran entgegen zunehmen, während es
durchaus als standesgemäß galt, Päpsten, Kaisern, Zaren und Königen
Zimt als eines der teuersten Geschenke zu überreichen.
Im Mittelalter ersetzten die Gewürze infolge ihres hohen Wertes
nicht selten das Gold bei Strafen, Kontributionen und anderen
Abgaben. Die Genuesen zahlten im 12. Jahrhundert ihren Söldnern, den
Teilnehmern am Überfall auf Cäsarea, 48 Solidi (Goldmünzen) und 1 kg
Pfeffer als Sold. Und die Bürger der französischen Stadt Beziers
wurden im 13. Jahrhundert verpflichtet, für die Ermordung des
Vicomte Roger eine Schuld von 1,5 kg Pfeffer zu bezahlen.
Interessant ist auch die Tatsache, dass in Frankreich die
Gewürzhändler und nicht die Apotheker zu den "genauesten" Menschen
zählten, weshalb sich auch die Überwachung der Maße und Gewichte bis
zur Großen Französischen Revolution im Jahre 1789 in den Händen der
Gewürzhandelsgilde befand. Um die Genehmigung, mit Gewürzen zu
handeln, zu erlangen, war im 14. bis zum 1ß. Jahrhundert eine
komplizierte und langwierige Ausbildung erforderlich, wobei die
Kandidaten für den Gewürzhandel vom königlichen Staatsanwalt selbst
bestätigt wurden.
Die außerordentliche Rolle, die die Gewürze spielten, wird auch noch
dadurch erhärtet, dass es ziemlich häufige Versuche gab, sie zu
verfälschen. Auf Fälschungen standen strenge Strafen. In Frankreich
z. B. wurde für einen Fälschungsversuch von gemahlenem Pfeffer eine
Strafe von 1000 Pariser Pfund (fast ß0 kg reines Silber) auferlegt.
Entdeckte man einen zweiten Fälschungsversuch, bedeutete das die
Konfiskation des Vermögens, das Schließen der Handelseinrichtung
sowie die Verhaftung. In Deutschland wurden Händler für das Fälschen
von Safran entweder verbrannt oder zusammen mit der gefälschten Ware
lebend begraben. Diese radikale Bekämpfung der Gewürzverfälschungen
zeigte ihre Resultate: In Europa waren derartige Fälschungen relativ
selten, und sie traten nur im Einzelhandel beim Verkauf gemahlener
Gewürze auf. Aber auch in diesen Fällen wurden die Gewürze nur
leicht gestreckt.
Um den europäischen Markt mit Gewürzen zu sättigen, mussten neue
Handelswege in die Länder gesucht werden, in denen die Gewürze
wuchsen, und zwar ohne Mittlerschaft von Venedig und der Araber.
Ende des 15. Jahrhunderts und Anfang des 1ß. Jahrhunderts liegen die
Fahrten der Seeleute und Gewürzsucher, der Spanier und Portugiesen.
Diese Seefahrten waren mit großen geographischen Entdeckungen
verbunden: Der Weg in den Indischen Ozean um Afrika herum sowie
Mittel-, Süd- und Nordamerika wurden entdeckt, Magellan reiste um
die Welt. Außerdem entdeckte man die Philippinen, die Großen
Sundainseln und die Molukken sowie noch andere, den Europäern bis
dahin unbekannte Gebiete.
Im Jahre 1498 schaltete Vasco da Gama erstmalig die Zwischenhändler
aus und brachte mit seinen Schiffen Pfeffer, Nelken, Zimt und Ingwer
in seine Heimat. Drei Jahre später organisierte er erneut eine
grandiose Expedition, die 2000 t Gewürze einbrachte. Das löste eine
bisher einmalige Sensation in den europäischen Handelskreisen und
auch anderswo aus. Damit wurde immer augenscheinlicher, dass die
ökonomische und die politische Macht Venedigs bald zu Ende ging.
Darüber hinaus ergab sich aufgrund der direkten Ausfuhr der Gewürze
aus den Ländern Asiens nach Europa für das gesamte arabische
Handelssystem ein unermesslicher Verlust; das war verhängnisvoll für
viele arabische Staaten, die an dem traditionellen Handelsweg von
Indien nach dem Mittelmeer lagen. Das Zentrum des Gewürzhandels
verlagerte sich auf die Pyrenäenhalbinsel.
Portugal und Spanien monopolisierten den Welthandel mit Gewürzen, da
sie die einmalige Möglichkeit hatten, die Einfuhr der Gewürze auf
den europäischen Markt zu regulieren, indem sie die Ursprungsländer
kontrollierten, woran die Araber niemals gedacht hatten. Außerdem
brachten die Spanier neue, bisher in Europa völlig unbekannte
Gewürzarten, die nur in Amerika wuchsen, auf den Markt: Vanille,
Jamaika-Pfeffer (oder Nelkenpfeffer), Gewürzpaprika (Capsicum).
Dabei kamen die neu entdeckten Gewürze lange Zeit nicht über die
Ländergrenzen der Beherrscher der überseeischen Kolonien hinaus. So
wurde z. B. die Vanille erstmals im Jahre 1510 nach Spanien
gebracht, und in Großbritannien hingegen wurde sie erst im Jahre
1807 bekannt, als das spanische Handelsmonopol mit Mexiko durch die
englisch-spanischen Kriege gebrochen wurde. Jamaika-Pfeffer wurde
erstmals im Jahre 1ß01 nach Europa eingeführt, und bis zur Mitte des
18. Jahrhunderts kam er hauptsächlich nur nach Großbritannien und in
die ihm gehörigen Länder. Deshalb ist Jamaika-Pfeffer in den anderen
Ländern, darunter auch in Russland, unter dem Namen "Englischer
Pfeffer" bekannt geworden.
Anders war das Schicksal des Gewürzpaprikas, der trotz der
tropischen Herkunft nicht so wärme liebend und auch nicht so
anspruchsvoll ist wie die übrigen Kulturen der Gewürzpflanzen, Der
von den Spaniern in Westindien im Jahre 1494 entdeckte Gewürzpaprika
erschien schon im Jahre 1542 in Süddeutschland und in Österreich,
dem Stammland der Habsburger, die mit dem spanischen Königshaus
verwandt waren; er wurde dort unter der Bezeichnung "Spanischer
Pfeffer" bekannt. Nachdem der Gewürzpaprika im 17. Jahrhundert in
die Länder Südeuropas, hauptsächlich in die zur Habsburger Monarchie
gehörenden Länder Ungarn und Kroatien, gelangt war, "eroberte" er
sich bald alle Länder der Balkanhalbinsel, deren größter Teil in
dieser Zeit von der Türkei beherrscht wurde, und "sickerte" im 18.
Jahrhundert nach Russland ein, wo er den Namen "Türkischer Pfeffer"
erhielt.
Das aufs strengste gehütete Gewürzmonopol verhinderte bedeutende
Preissenkungen nach den großen geographischen Entdeckungen
(ausgenommen davon war nur der schwarze Pfeffer). Man muss sich
einmal vorstellen, wie teuer die Gewürze waren, wenn die
Magellansche Expedition, ausgerüstet mit fünf Schiffen, nach einer
dreijährigen Seefahrt mit nur einem Schiff zurückkehrte und während
dieser Reise das gesamte Vermögen verlor. Vom Verkauf der Gewürze,
die auf dem einen kleinen Schiff waren, konnte aber nicht nur der
Verlust ersetzt werden, sondern es wurden auch die Schulden bezahlt
und ein Gewinn erzielt. Die in verschiedenen Ländern gegründeten
Handelsgesellschaften, insbesondere die sog. Ostindischen Kompanien
zogen märchenhafte Profite aus dem mit den Kolonien aufgenommenen
Gewürzhandel, sie erreichten etwa 2000 % bis 2500 %.
Im 16. und im 17. Jahrhundert war es für Russland schwierig, Gewürze
über die westeuropäischen Länder zu erhalten. Deshalb erlangte in
dieser Zeit der alte Handelsweg aus Indien und Iran über das
Schemachinsker Khanat und den Kaspisee, über den Moskau mit Pfeffer,
Kardamom und Safran versorgt wurde, besondere Bedeutung. Man
erschloss aber auch einen neuen Handelsweg Von China über die
Mongolei und Sibirien brachte man Gewürze aus Südostasien, und zwar
aus den Gebieten, die noch nicht von den Europäern erobert waren,
nach Russland und sogar nach Westeuropa (in erster Linie
"Sternanis", "Galgant" (Kalganwurzel), und "Chinesischen Zimt").
Sternanis bezeichnete man in Westeuropa "Sibirischen Anis", weil er
hauptsächlich mit Karawanen durch Sibirien nach dem Westen gelangte.
Aus China wurde ziemlich viel Ingwer nach Russland eingeführt, der
dort neben dem Pfeffer das gängigste Gewürz war.
Die Länder, die Zugang zu den Gewürzen hatten, hüteten streng das
Geheimnis ihrer Handelswege, zum Teil beseitigten sie ihre
wirklichen und möglichen Konkurrenten mit Kriegsgewalt. Sie
errichteten über die Territorien, wo sie die Gewürze erwarben, enge
Kontrolle.
Die Holländer, die die Portugiesen im Jahre 1656 von Ceylon (heute
Sri Lanka) verdrängt hatten, belegten die Einwohner mit einer
Zimtsteuer: Ab 12. Lebensjahr war jeder Mann verpflichtet, jährlich
28 kg Zimt abzugeben. Später wurde diese Quote mehrfach erhöht, bis
sie ein Schwindel erregendes Ausmaß, nämlich 303 kg, erreichte.
Diese Steuer konnten, ungeachtet aller Repressalien, nur wenige
bezahlen.
Um die hohen Preise noch zu steigern oder wenigstens zu halten und
das Monopol über sie nicht zu verlieren, vernichteten die
europäischen Plantagenbesitzer ganze Waldmassive mit Gewürzbäumen
und konzentrierten die Gewürzproduktion auf einen beliebigen Ort.
Bereits im Jahre 1512 lokalisierten die Portugiesen die Erzeugung
von Muskatnüssen auf die Insel Banda und die von Nelken auf die
Insel Amboina, wobei bis zu 60.000 Muskatnuss- und Nelkenbäume auf
allen anderen Inseln des damaligen Molukkenarchipels vernichtet
wurden. Danach führten sie eine strenge Begrenzung für diese Bäume
auf den genannten Inseln ein und erließen ein Verbot für die Ausfuhr
von Samen und Stecklingen der Gewürzpflanzen. diese Politik setzten
auch die Holländer fort, die die Portugiesen im Jahre 1ß05 von den
Molukken verjagten. Von Zeit zu Zeit unternahmen die Holländer
Straf- und Kontrollexpeditionen unter Leitung des Gouverneurs des
Archipels, um festzustellen, ob diese Begrenzung der Muskatnußbäume
eingehalten wurde. Sie suchten aber auch nach Schmugglern. Die
Ureinwohner, die meist schon vom Herannahen der Expedition
unterrichtet waren, flohen aus Furcht vor den Repressalien in den
Dschungel, ins Innere der Inseln. Schon der geringste Verdacht auf
Schmuggelei genügte, um einen Menschen hinzurichten. Außerdem wurde
jedes Dorf, in dem man junge Keimlinge von Muskatnuss- oder
Nelkenbäumen fand, von. den holländischen Soldaten geplündert. Alle
Sago- und Kokospalmen, die einzige Nahrungsquelle der Ureinwohner,
wurden schonungslos abgeholzt. die gefangenen Eingeborenen
erschlagen oder bestenfalls ausgepeitscht bzw. mit Bambusstöcken
verprügelt. Erst zu Beginn des 19. .Jahrhunderts konnte der
holländische Zoologe Temminck eindeutig nachweisen, dass die
Ureinwohner der Inseln an der Verbreitung der Muskatnuss- oder
Nelkensamen unbeteiligt waren; "Schuld" hatten die auf den Molukken
lebenden Vögel. die asiatischen Tauben, der Kasuar und der
Nashornvogel. deren Mägen diese Samen unverdaut passierten, um
anschließend zu keimen.
Im Vergleich zu Westeuropa waren in Russland, das auf halbem Wege
von Indien nach Europa lag, die Preise für die gängigen Gewürze
relativ niedrig. Moskau kostete Ende des 16. Jahrhunderts bis Anfang
des 17. Jahrhunderts kg schwarzer Pfeffer ungefähr 25 Rubel
(umgerechnet auf die heutige Währung) und 1 kg Ingwer 40 Rubel,
wogegen man für 1 kg Kardamom 185 Rubel und für 1 kg Safran ß00
Rubel bezahlte (Anmerkung vom Autor des Originalbuches)
Um das Gewürzaufkommen zu begrenzen und die hohen Preise für
Muskatnüsse, Nelken und Zimt auf dem Weltmarkt künstlich hoch
zuhalten, gingen die Holländer sogar dazu über, von Zeit zu Zeit die
in den Lagern angesammelten Gewürze zu vernichten. An einem
Sommertag im Jahre 1769 wurden in Amsterdam 8 Millionen Pfund
(ungefähr 4000 t) Muskatnüsse, Nelken und Zimt verbrannt. Die
erschütterten Augenzeugen berichteten, dass lange Zeit über der
Stadt eine gelbe Wolke hing, die ein feines Aroma fast über ganz
Holland verbreitete.
Der Kampf um das Monopol führte nicht selten zur offenen Konkurrenz
zwischen den einzelnen Ländern. So wurden z. B. Raubüberfälle auf
die Gewürzplantagen anderer Länder organisiert, um Samen und
Setzlinge zu erbeuten. Im Jahre 1769 rüstete der Gouverneur von den
Maskarenen, die zu Frankreich gehörten, eine Seekriegsexpedition
aus, um Nelken- und Muskatnußpflanzen zu rauben. Nach vielen
erfolglosen Versuchen gelang es dann schließlich den Franzosen,
unbemerkt in das Besitztum der Holländer einzudringen und junge
Pflanzen sowie keimende Samen zu erbeuten. Die die Franzosen
verfolgende holländische Flotte konnte jedoch die leichten
französischen Schiffe nicht einholen, und diesen gelang es, nicht
nur die Ladung wohlbehalten auf die Maskarenen zu bringen, sondern
im folgenden Jahr diese dreiste Operation zu wiederholen.
Die Holländer ihrerseits sprengten das Gewürzmonopol anderer Länder.
Ende des 18. Jahrhunderts, als sie Ceylon den Engländern überlassen
mussten, gelang es ihnen, den ceylonesischen Zimt von dort
mitzunehmen und auf Java, Sumatra und Borneo anzubauen. Im .Jahre
1819 begannen sie mit dem Anbau von Vanille auf Java, dessen Monopol
bis zu dieser Zeit Spanien hütete.
Die Beschaffung der wertvollen Pflanzen war nicht so schwierig wie
ihr Anbau an anderen Orten, obwohl dort ähnliche tropische
Bedingungen herrschten. Außer dem Ingwer, der von Spaniern schon
Anfang des 1ß. Jahrhunderts nach Mexiko, danach nach San Domingo und
Jamaika gebracht und dort schnell heimisch wurde, "gebärdeten" sich
die Gewürzpflanzen bei der Umsiedlung außerordentlich launisch. So
hatte z. B. die Vanille in ihrer Heimat die Gewohnheit, mit dem
Kakao zusammen zu wachsen, und zwar als Parasit. Diesen Umstand
musste man in Betracht ziehen und sie in der Fremde zusammen mit dem
Kakao ansiedeln. Trotzdem trug die Vanille keine Früchte, d. h., es
wuchsen keine Schoten. Das Geheimnis bestand darin, dass in den
anderen tropischen Ländern die Insekten fehlten, die die Vanille in
Mexiko bestäubten. So verging geraume Zeit, bis man gelernt hatte,
die Vanille künstlich zu bestäuben. Fast dasselbe geschah mit dem
schwarzen Pfeffer, der als Liane nicht an den ersten besten
Standorten gedeihen und sich hoch winden wollte. Es musste erst eine
geeignete "Stütze" gefunden werden, an der er hoch wachsen konnte.
Die Gewürze zu kultivieren kostete viel Zeit und auch Erfahrungen.
Bei den Engländern auf Penang z. B. ist anfangs, da sie die
Agrokultur nicht beherrschten, fast die Hälfte der
Muskatnußbaum-Plantagen eingegangen. Erst nach 40 Jahren gelang es,
die Plantagen zu regenerieren und rentabel zu machen.
Auch die von den Franzosen erbeuteten Nelken und Muskatnüsse wollten
auf den Maskarenen nicht gedeihen, dafür gewöhnten sie sich aber gut
auf der Insel Reunion ein. Ihre wirklich zweite Heimat fand die
Nelke jedoch auf den Inseln Sansibar und Pemba, die in englischem
Besitz waren, und allein heute liefert Sansibar (Tansania) fast 90 %
der Weltproduktion an Nelken.
Während die Holländer fast 20 Jahre lang versuchten, die Vanille auf
Java zu akklimatisieren, unternahmen die Franzosen erfolgreiche
Versuche, die gleiche Vanille auf Madagaskar und auf der Insel
Reunion heimisch zu machen, und erreichten schon Mitte der 50er
Jahre des 19. Jahrhunderts eine rentable Produktion. Von hier aus
gelangte die Vanille auch auf die Insel Mauritius, und danach begann
man, sie auch auf anderen sich in französischem Besitz befindlichen
Inseln anzubauen (z. B. Tahiti, Fidschi, Martinique, Guadeloupe).
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle vorwiegend klassischen
Gewürze hauptsächlich in den kolonialen Besitzungen Englands,
Frankreichs und Hollands angebaut. Von den unabhängigen Ländern
verblieben China und Mexiko als große Gewürzproduzenten.
Die Liquidierung der Monopolstellung von einigen Staaten führte auf
dem Weltmarkt vor allem zu einer Preissenkung bei Gewürzen. Gegen
Ende des 19. Jahrhunderts gab es Gewürze nicht nur zu
erschwinglichen Preisen, sondern sie hörten auch auf, ein Gegen-
stand besonderer Wertschätzung zu sein. Zusammen mit dem Verlust
ihrer Rolle in der Wirtschaft und im gesellschaftlichen Leben der
einzelnen Staaten verschwanden auch "Entzücken" und "Ehrfurcht", von
denen die Gewürze im Verlauf vieler Jahrhunderte umgeben waren.
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden einige klassische Gewürze
gänzlich aus dem Handel gezogen, d. h., es ging eine
Sortimentsverringerung vor sich. Sternanis und Galgant kamen immer
seltener nach Westeuropa, und die Einfuhr und Produktion der
"Paradieskörner" - eines der ältesten Gewürze - wurde stark ,
eingeschränkt.
Die allgemeine Industrialisierung verlangte nach anderen Schätzen
auf dem Weltmarkt, z. B. Erdöl, Eisenerze, Kohle, Blei, Kautschuk,
Kupfer und andere Rohstoffe. Wesentlich vorteilhafter waren jetzt
die Produktion von Weizen und Fleisch sowie der Anbau von
Zuckerrohr, Kakao, Kaffee und Bananen. Exportiert und importiert
wurden nur noch die gängigsten "Massenbedarfsgewürze, die auch die
vorteilhaftesten Gewürze waren, z. B. schwarzer Pfeffer.
Eine nicht geringe Rolle spielte dabei auch der jeweilige
"Nationalgeschmack". So war z. B. Paprika schon im 18. Jahrhundert
ein Hauptmerkmal der ungarischen, rumänischen und südslawischen
Nationalküche, während der verhältnismäßig teure schwarze Pfeffer
und der Jamaika-Pfeffer (Duftpfeffer) in Großbritannien, Frankreich
! und anderen Ländern Westeuropas mehr Verwendung fand. Der Zimt
wurde im Laufe der Zeit ein sehr populäres, für die Herstellung von
Konditoreiwaren unentbehrliches Gewürz.
Einen neuen Vorstoß zur massenhaften Anwendung der Gewürz ergab die
Erfindung der Konservierung im 19. Jahrhundert.
Im 20. Jahrhundert steigt die Weltproduktion an Gewürzen ständig (z.
Z. beträgt sie fast 100.000 t jährlich), und auch in der
Konservenindustrie werden immer größere Mengen Gewürze eingesetzt,
Aber ungeachtet dessen bleibt es eine Tatsache, dass die Verwendung
von Gewürzen im Haushalt zweifelsohne sowohl hinsichtlich der Menge
als auch besonders im Sortiment zurückgegangen ist.
Worin besteht nun die Bedeutung der Gewürze in früheren
Jahrhunderten? Warum waren sie in der Vergangenheit wichtig für die
menschliche Ernährung? Weshalb stehen sie heute etwas im Schatten?
Erstens war die Ernährung der Menschen im 14. Jahrhundert bis zum
18. Jahrhundert einseitiger als heute. In Gebieten, in denen der.
Fischfang vorherrschte, ernährte sich die Bevölkerung vorwiegend von
Fisch, in Gebieten mit Viehwirtschaft mit Fleisch, in
Reiseanbaugebieten von Reis usw. Es gab keinen großen Austausch der
Erzeugnisse und keine Lieferungen über große Entfernungen. Um die
Speisen abwechslungsreich zu gestalten, musste man in erster Linie
ihren Geschmack und Geruch verändern. Und das war nur mit Gewürzen
zu erreichen.
Zweitens konnte in der Vergangenheit die Landbevölkerung - und sie
stellte die Mehrzahl der Einwohner dar - im Winter nicht genügend
Futtermengen für das Vieh bereitstellen. Deshalb war auch eine
Vergrößerung der Herden nicht möglich. Jedes Jahr im Herbst wurde
das "überflüssige" Vieh geschlachtet und nur ein Minimum für die
Fortpflanzung übrig gelassen. Im Ergebnis musste eine große Menge
Fleisch ein halbes Jahr und sogar noch länger, nämlich bis zur neuen
Schlachtung, aufbewahrt werden. Da es noch keine Kühlschränke gab,
wurde das Fleisch gepökelt oder in sog. "trockene Bouillons"
verwandelt, das Geflügel halbiert und konserviert (besser gesagt
präserviert). Dazu brauchte man unbedingt Gewürze, und nicht wenige
sowie vor allem verschiedenartige.
Im 20. Jahrhundert kam der "Gewürzersatz" auf, d. h. künstliche
Gewürze und Essenzen, wie Vanillin, wovon man bedeutend weniger
verwenden darf und kann als bei echten Gewürzen. Die künstlichen
Gewürze, die bedeutend preiswerter und auch zugänglicher waren,
verbreiteten sich schnell sowohl in Deutschland als auch in anderen
Ländern, die echte Gewürze importierten.
Neue chemische Arzneimittel hatten ebenfalls Einfluss auf den immer
geringer werdenden Einsatz der Gewürze im täglichen Leben. Früher
besaßen die Menschen zu Hause immer eine Sammlung von Gewürzen, die
je nach Bedarf als Arznei oder als Aromen für Speisen verwendet
wurden. Doch als die Gewürze, Gräser und Wurzeln aus der
Hausapotheke verschwanden und ihr Platz synthetischen Erzeugnissen
überlassen wurde, ging ihre Anwendung auch in der Küche zurück.
Das Verdrängen der Gewürze von ihrer früheren Position wurde dadurch
noch gefördert, dass die Stadtbevölkerung der Industrieländer die
Möglichkeit erhielt, ihr Speisenangebot durch Importe vielseitiger
zu gestalten. Außerdem ging in den entwickelten Industrieländern der
Einsatz von Gewürzen in der gesellschaftlichen Speisenproduktion
wegen standardisierter Rezepturen und der breiten Anwendung von
Fertigerzeugnissen, von Produkten, die keine aufwendigen
Zubereitungsarbeiten erforderlich machen, merklich zurück.
In den östlichen Ländern, in denen die sog. Hausküche bis zum
heutigen Tag noch die dominierende Rolle einnimmt, wurden die
Gewürze dagegen nicht aus ihrem eigentlichen Anwendungsgebiet
verdrängt. Die meisten Speisen, die Gewürze enthalten, müssen
sofort, unmittelbar nach ihrer Zubereitung verzehrt werden. Jedes
Aufbewahren oder erneutes Aufwärmen solcher Gerichte ist abzulehnen,
denn ihr ganzer "Duft:', das Aroma der Gewürze, geht dabei verloren.
Deshalb passt sich in den betreffenden Ländern sogar die
"gesellschaftliche Speisenproduktion" den Besonderheiten der
Speisenherstellung mit Gewürzen an. Das sind gewöhnlich kleine
Bratstellen, die auf den Basaren oder direkt auf den Straßen stehen,
wo man die Speise in Anwesenheit des Kunden herstellt, und zwar nur
in der Menge, die jeweils gewünscht wird (Anmerkung vom Autor des
Originalbuches).
Es ist an der Zeit und auch notwendig, sich ernsthafter und
aufmerksamer mit der Frage zu beschäftigen, welche Rolle die Gewürze
heute besonders in unserer Ernährung spielen.
Die Möglichkeiten für den Einsatz von Gewürzen sind bei weitem noch
nicht ausgeschöpft, und ihre glanzvolle Geschichte ist keinesfalls
beendet. Im Gegenteil - es ist an der Zeit, neue und nicht minder
interessante Seiten der Gewürze zu entdecken. |